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Pflegekinder und Pflegefamilien besser unterstützen

Gefährdungsmitteilungen zu Pflegekindern ernsthaft zu prüfen, ohne das Vertrauen der Pflegeeltern vorschnell zu verlieren, ist ein Spagat für Pflegekinderdienste. Wie dieser besser gelingen könnte, formuliert Heinz Kindler in einer Stellungnahme

02. März 2026 -

Kinder und Jugendliche, die beispielsweise wegen schwerer Erkrankung oder Tod eines Elternteils oder mangelnder Erziehungs­fähigkeit nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, finden oft in Pflegefamilien für einen begrenzten Zeitraum oder dauerhaft ein neues Zuhause. Pflegefamilien stellen damit eine Alternative zu stationären Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe dar und übernehmen gemeinsam mit dem Jugendamt die Verantwortung für die Erziehung und Entwicklung des Pflegekindes. 

Da viele Pflegekinder bereits körperliche oder psychische Miss­handlung, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt haben, ist es für Pflegeeltern anspruchsvoll, eine vertrauensvolle Bindung zum Kind aufzubauen, die es ihm ermöglicht, negative Vor­erfahrungen zu verarbeiten. Pflegefamilien werden zudem mitunter selbst mit Vorwürfen einer Kindeswohlgefährdung konfrontiert. Erweist sich ein Verdacht als unbegründet, haben die betroffenen Pflegefamilien derzeit nur begrenzte Möglichkeiten, ihren Ruf wiederherzustellen und sich vollständig zu rehabilitieren.

Vor diesem Hintergrund findet im Landtag Nordrhein-Westfalen am 5. März 2026 eine Anhörung statt, die den Fragen nachgeht, wie Pflege­kinder und Pflege­familien besser beraten und unterstützt werden können, wie sie in Konfliktlagen passgenau begleitet werden können und wie wirksame Verfahren zum Schutz des Kindeswohls etabliert werden können, ohne Pflegefamilien durch unbegründete Verdachtsmomente unangemessen zu belasten.  

Ein Drittel der Gefährdungsmitteilungen erweisen sich als begründet, mehr als die Hälfte von ihnen bestätigten sich nicht

Zu den geladenen Sachverständigen gehört Kinderschutzexperte Prof. Dr. Heinz Kindler vom Deutsche Jugendinstitut (DJI). In seiner Stellungnahme hat er unter anderem einen Forschungsüberblick zu Gefährdungslagen und Falschbeschuldigungen in Pflegefamilien erstellt. Die Daten des DJI-Pflegekinderbarometers, einer Befragung der Pflegekinderdienste in Deutschland, zeigen, dass pro Jahr bei 3,5 Prozent der rund 90.0000 Pflegekinder eine Gefährdungslage festgestellt wird. Damit erweisen sich 33 Prozent aller eingehenden Gefährdungsmitteilungen als begründet, mehr als die Hälfte von ihnen bestätigten sich dagegen nicht, weitere 13 Prozent der gemeldeten Fälle waren zum Befragungszeitpunkt noch ungeklärt. 

„Auch wenn Gefährdungsmitteilungen zu Kindern in Pflegefamilien kein häufiges Phänomen sind, muss der Kinderschutz in Pflegefamilien verbessert werden ebenso wie der Umgang mit Falschbeschuldigungen von Pflegefamilien“, fordert Heinz Kindler. Denn Dunkelfeldbefragungen aus anderen Ländern deuten darauf hin, dass es in Pflegefamilien – genauso wie in allen Familien – einen hohen Anteil an nicht entdeckten Fällen von Gewalt und sexuellen Grenzverletzungen gibt.

Prüfung von Gefährdungsmitteilungen und Begleitung von Pflegefamilien trennen und unabhängige Beratungsstellen einrichten

Kindler empfiehlt in seiner Stellungnahme an drei Punkten anzusetzen: Erstens am Rollenkonflikt der Fachkräfte des Jugendamtes, die einerseits Pflegeeltern unterstützen und andererseits Gefährdungsmitteilungen prüfen. Dieser könne einerseits bei Pflegeeltern zu einem Verlust von Vertrauen führen, andererseits Fachkräften aber auch dazu verleiten, Gefährdungsmitteilungen nicht hinreichend ernsthaft zu prüfen. Zweitens problematisiert der Kinderschutzexperte das Fehlen unabhängiger Unterstützung und drittens die ungelöste Aufgabe der Rehabilitation von Pflegefamilien bei Vorwürfen, die sich nicht bestätigen.

Den Jugendämtern schlägt Kindler konkret vor, die Prüfung von Gefährdungsmitteilungen zu Pflegefamilien und deren weitere Begleitung organisatorisch zu trennen. Dafür spreche auch, dass die Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) bei den Jugendämtern im Unterschied zu den zuständigen Pflegekinderdiensten sehr viel mehr Erfahrung bei der Prüfung von Gefährdungsmitteilungen aufweisen. Landesjugendämtern rät er dazu, unabhängige Beratungsstellen für Pflegeeltern einzurichten und zu fördern, wie beispielsweise „FosterTalk“ in Großbritannien, eine unabhängige, nicht-staatliche Beratungsorganisation für Pflegeeltern, die auch in Verdachtsverfahren begleitet. 
 

DJI-Stellungnahme „Unberechtigte Kindeswohlgefährdung bei Pflegefamilien“ zur Anhörung in der Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder im Landtag NRW am 05.03.2026 


Kontakt
Prof. Dr. Heinz Kindler
Leiter der Fachgruppe „Familienhilfe und Kinderschutz“
089/62306-245
kindler@dji.de

Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
089/62306-446
hofele@dji.de